Verdichtete Zeit von
Christian Breuer
Eine Heimatreise
durch ferne Welten
Wer bislang
- geographisch gesehen - nicht im tiefen deutschen Wald beheim
atet
ist, wird es – literarisch betrachtet – spätestens dann sein, wenn er
den Band Verdichtete Zeit des Schriftstellers und Performers,
Christian Breuer, gelesen hat. Gelesen? Sich das Wort hat auf der
geistigen Zunge zergehen lassen. Im tiefen Deutschen Wald geheime
Zwerge hausen / Im dichten hohen Gras verborgene Lüste blühen / Starke
Riesen vergnügen sich in Bergwerksklausen. So beginnt ein
surreal-patriotisches Gedicht, in dem die Selbstironie des Autors nicht
verborgen bleibt. Im tiefen Deutschen Wald, wo sich Goethes Faust
noch ballt / Überwindest Du die Kraft der Wurzeln erst,
wenn die Bäume purzeln.
Je länger ich mich mit Breuers Werk befasse, besser
gesagt: mich hineinknie, desto mehr staune ich über die Wortvielfalt,
die ich entdecken kann.
Surrealismus, Dadaismus und Punk finden sich in den
einzelnen Kapiteln wieder. Und in welchem Autoren, der vielseitig und
konsequent arbeitet, steckt nicht immer mal wieder ein Kurt Schwitters?
So zum Beispiel in Breuers Gedicht Thekennachbar, das nicht nur
in seiner wortspielerischen Manier, sondern vor allem auch vom Optischen
dadaistisch anmutet. Man muss sogar rückwärts lesen.
Verdichtete Zeit
ist nicht allein ein literarisches, sondern auch ein graphisches
Kunstwerk, das sich in vielen Texten widerspiegelt. An dieser Stelle
greife ich vier Beispiele heraus: das Buchstabenspiel des Textes Zwei
Türme, die handschriftliche Aufzeichnung des Gedichts Faszination
Müll, das optische Spiel des Gedichts Freie Geister oder die
Fotografien des Bushaltestellenschilds Ewiger Frieden.
Konsequentes literarisches Arbeiten bedeutet Entwicklung.
Das heißt: Breuers Texte durchlaufen, wie oben erwähnt, verschiedene
Stilrichtungen, aus denen sich schließlich ein selbständiger Stil
herauskristallisiert. Der Charakter der Gedichte und Geschichten lässt
sich also nicht in Schubladen stecken, vielmehr bietet das Werk eine
ganz eigene Richtung, das freigeistigen Denkern entgegen kommt.
Immer wieder und immer noch bin ich auf der Suche nach
einem Ausdruck, nach einem Begriff, der diesen literarischen Mikrokosmos
beschreiben könnte. Sollte ich hierfür vielleicht ein Wort erfinden?
Die Frage lasse ich erst mal stehen und blättere weiter.
In meiner gedanklichen Reise durch das Buch, stoße ich schließlich auf
eine kleine Reisegeschichte, die den Mikrokosmos nicht besser
beschreiben könnte: Ich dachte daran, wie ich
im letzten Sommer mit dem Moped losgefahren war. Vor Bonn war ich zum
Überholen des Schneckenlasters rechts über den Fahrradweg geprescht. Und
dann mit gekonntem Satz zurück auf die Straße. Immer auf die Straße!
Alle Jahre wieder… und dann in Bad Godesberg… plötzlich im ST.-
Gotthard- Autotunnel gelandet. Augen auf und durch. Gas, paar Kilometer
und hoch und… im Tal der Ahr flogen mir die Mücken ins Gesicht. Und ich…
ohne Visier. „Mund aufmachen“, empfiehlt der Tankwart.
Surrealer und spannender kann
eine Reise vor der eigenen Haustür kaum sein. Und dann bin ich schon
wieder bei der Heimat. Breuers Texte laden ein, sich in ihnen heimisch
zu fühlen und sich gleichzeitig in ferne Welten zu denken: sowohl in
andere Länder als auch in parallele Gedankenwelten, deren Phantasie
keinerlei Grenzen gesetzt sind. Das Fahrrad war
jetzt Investition genug, dazu kam der Recorder, mit dem ich Geräusche an
verschiedenen Straßenecken aufnahm. (…) besonders hatten es mir die
Kirchenglocken angetan, in der Ferne, die ich im Halbschlaf vernommen
hatte, nachmittags, wenn mein Zimmer zur Sonnenkammer wurde.
Lese ich die Geschichte Sternengucker, regt sich
in mir die Laune nach Unabhängigkeit und Beiläufigkeit. Der Protagonist
hat Zeit. Haben die Protagonisten in Breuers Geschichten nicht alle
Zeit? Drückt sich hier nicht ein Lebensgefühl aus, das man nur
entwickeln kann, wenn man die Zeit hat hin zu sehen und überhaupt zu
sehen? Das Hinsehen kann ja sehr unterschiedlich sein. Ich meine das
Hinsehen mit dem inneren Auge, dem Geist und Gefühl für die Dinge im
Verborgenen. Bestimmte Plätze suchte ich gern
auf, andere weniger, aber die erwählten wurden Teil meiner Präsenz. Hier
saß ich, um Experimenten mit festem Blick auf die Hinterköpfe
irgendwelcher Passanten zu frönen (…), dort saß ich, um im Geiste
Saxofon zu spielen, meistens an irgendeiner Treppe am Fluss…
Ist immer alles dem Zufall überlassen, oder gibt es doch
so etwas wie Fügung? Wo gehen die Protagonisten hin, und wo wollen sie
hin? Wollen sie überhaupt etwas? Diese Fragen kommen mir in den Sinn,
und ich genieße, dass ich sie eigentlich gar nicht beantworten will.
Genau das würde ich als beiläufig bezeichnen. Soll es doch dem Zufall
überlassen sein, ob es so etwas wie Fügung gibt oder nicht.
Ich überlegte für einen Moment, ob
sie der von mir gesuchte „weibliche und witzige part-time-Gegenpart für
romantische Stunden (keine Klette!)“ sein könnte (…). Fragen gingen mir
durch den Kopf. War ich in besonderer Weise von ihr angeleitet worden?
War mir das wichtig?
Da fällt mir wieder ein, dass ich immer noch auf der
Suche nach einem Wort bin, das Breuers literarischen Mikrokosmos
beschreiben könnte. Ist mir das Wort noch wichtig? Auf meiner inneren
Reise durch das Buch bin ich mehr und mehr zu der Erkenntnis gekommen,
den Mikrokosmos nicht durch Begrifflichkeiten einschränken zu können,
weil er so vielseitig ist, dass ich ihm – und sei der Ausdruck dafür
noch so schöpferisch – ein Korsett anlegen würde. Das entspräche nicht
Breuers Literatur. Freie Geister schweben durch
den Raum / Ungebunden fliegen sie umher.
Christian Breuer, im Februar 1964 geboren, ist Magister
der Theaterwissenschaft. Im öffentlichen Raum tritt er als Performer und
Dichter auf. Er belebt das Kölner Kulturleben durch zahlreiche
Leseshows, die stets von eigenem Gedankengut geprägt sind. Der
experimentell gewagte Vortrag verleiht seinen Veranstaltungen eine
Echtheit, bei der man „auf der Hut“ sein muss, wie Breuer selbst sagt.
Seit Herbst 2005 leitet er die Lese-Performance-Reihe
Freie Geister im Kölner ArTheater.
Adrienne Brehmer
Köln im Juni 2009
LINKS:
www.van-aaken-verlag.de
www.christbreu.de