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B U C H V O R S T E L L U N G    

 

Chrizz B. Reuer:

Der Europa-Trip - Interrail ZweiPunktNull 

oder - möchte man hinzufügen - : Über Lust und Last des Reisens unter den Bedingungen einer Fortbewegungsform aus dem letzten Jahrhundert

Kürzlich sah ich in einer Dokumentation über die Historie der Personenbeförderung mittels Eisenbahnen ein Interview mit einem Historiker, der eine populäre Geschichte aufgriff: In den Anfängen hätten Wissenschaftler  behauptet, schon das Betrachten einer – aus heutiger Sicht – langsam fahrenden Eisenbahn würde den armen Beobachter dem Wahnsinn anheimfallen lassen. Diese Geschichte ist offenbar eine Legende, was wohl neben manchem Zuschauer auch mir neu war.

Ob die Wissenschaftler der Legende nach diesen ungesunden Effekt auch den Bahnfahrern selbst zuschrieben, ist mir nicht bekannt. Nach Lektüre des Buches von Chrizz B. Reuer:  Der Europa-Trip-InterRail ZweiPunktNull habe ich aber den Eindruck, dass dies nicht der Fall ist – der Autor ist nach der in dem Buch geschilderten Europareise in vollkommener geistiger und körperlicher Gesundheit in seine Wahlheimat Köln zurückgekehrt. Was er jedoch in diesem einen Monat erlebte, möchte man schon mit „Wahnsinn“ titulieren, nämlich der ohne Krankheitswert, einfach der berühmte „ganz normale“.

Im Nachwort warnt der Autor vor Taxifahrern: sie würden die subjektiven Reiseerinnerungen stark trüben, wenn nicht zumindest zeitweise beschädigen. Damit ist beschrieben, worum es in diesem witzigen, mal rasanten, mal nachdenklichen, dann wieder – mit Verlaub - „durchgeknallten“ Werk geht: Wir werden Zeugen der Weltsicht des Autors, und soviel sei vorab schon verraten: Es macht großen Spaß, sich darauf einzulassen, ihn auf einer Reise zu begleiten, in der er eine im letzten Jahrhundert unter jungen Leuten populäre Fortbewegungsform aufgreift und mit neuem Leben füllt: In den 70er und 80er Jahren machten sie sich zu Scharen auf, ihre spießigen Elternhäuser, ihre Käffer, ihre Kleinstadttristesse für ein paar Wochen hinter sich zu lassen und die „große weite Welt“ zu erkunden, sprich das europäische Ausland: Jugendliche, die unter Schmidt (der im Buch als „innerer Kommentator“ eine nicht unbedeutende Rolle spielt) und Kohl (der im Buch – fast möchte man es bedauern – gar keine Rolle spielt), sozialisiert wurden und wissen wollten, was es jenseits der alltäglichen (alt-)bundesrepublikanischen Wirklichkeit noch gibt – Erlebnisse, Erfahrungen ,ja vielleicht sogar das „wahre Leben“ lockten!

Auch der Autor zählte damals zu diesen Jugendlichen, und als er entdeckte, dass ES wieder da ist – InterRail in der alten Form! – und auch noch OHNE ALTERSBESCHRÄNKUNG – da ist in ihm ein Plan gereift: Auf den Spuren von damals, aber mit den Augen, den Gefühlen, dem Wissen von heute.

Und dann beginnt dieser Trip,um Deutschland herum, entgegen dem Uhrzeigersinn, Start in Amsterdam – und der Leser reist mit. Dabei hat man sowohl ein Gefühl von Unmittelbarkeit als auch von Distanz: Wir werden Zeuge der – teils sehr intimen – Aufzeichnungen des Autors, doch sind es eben SEINE Wahrnehmungen, seine privaten Aufzeichnungen, quasi ein Zwiegespräch mit sich selbst. Wer über die bereisten Städte allgemeine Informationen erhalten möchte, ist mit einem entsprechenden Reiseführer sicher besser beraten.

Der Autor dieser Rezension verzichtet darauf, Stadt für Stadt durchzugehen. Darunter waren so unterschiedliche Städte wie Brügge, Wien und Gdansk. Und auch Auschwitz, ein sehr bewegender Teil des Buches. Wie überhaupt die Anteilnahme an der Gefühlswelt des Autors – im besten Sinn des Wortes - rührend ist: man geht mit, wenn ihm auf einem Wiener Friedhof Tränen kommen, man freut sich mit ihm, wenn er vor „sahnigem Glück aufgeht wie ein Luftballon“, man ist dabei und hört die Lieder bei Gitarrensessions mit reisenden Menschen aus – buchstäblich – aller Welt. Und all das stetig begleitet von einem „inneren Helmut Schmidt“ und einem „inneren Günter Grass“, denen er auch schon mal respektvoll-respektlos den Mund verbietet. Der innere Monolog des Autors strahlt direkt auf den Stil dieses Buches aus: Da gibt es Klammern, unvollständige Sätze, Gedanken- und Gefühlsfetzen, Smileys, kurze Ausflüge über den Sinn des Daseins und den schon bemühten alltäglichen Wahnsinn. Und diese Melange führt vor allem dazu, dass man nach der Lektüre das Gefühl hat, diesen Menschen sehr gut kennengelernt zu haben, seine Träume, Ängste, seine humorvolle, gereifte Sicht der Dinge – letztere vor allem. Ein Buch, das man jedem ans Herz legen kann, der nostalgische Erinnerungen an die eigenen InterRail-Erfahrungen hat, jedem, der sich seinem Fernweh hingeben möchte (und vor allem in konkrete Planungen umsetzen will, denn dieses Buch macht Lust auf eigene Erfahrungen!), allen, die Spaß daran haben, in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Menschen TIEF einzusteigen. Ein Buch, das kurzweilig ist und Vergnügen macht, bei dem ein lautes Auflachen durchaus direkt einer Melancholie folgt – oder – in den Worten einer häufig in dem Buch benutzten Wendung: I mean, it´s like: WOW!

Helge Bewernitz

Das Buch - Verfasser, Titel, Infos:
Chrizz B. Reuer  - DER EUROPA-TRIP. InterRail ZweiPunktNull.
Eine Reise mit sich selbst - 22 Städte in 31 Tagen.
Verlag: Edition Oberkassel, Düsseldorf (erschienen im Februar 2011).
228 Seiten. ISBN: 978-3-9813905-7-5

 

 

Autor der Rezension: Helge Bewernitz