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Schweinehälften
Das Leben als
Lehrling war kein Zuckerschlecken, speziell in der Ladendeko. Es fing schon morgens an. Im Stockdunkeln
aufstehen, in ein Butterbrot beißen, den Geruch schwelender Briketts in der
Nase, um die Kirche rum, quer durchs Dorf zur Haltestelle schlurfen und hoffen,
dass der abgetakelte Gelenkbus quietschend anhielt und nicht durchfuhr, was
gelegentlich vorkam.
Dann der Fußweg von der Bushaltestelle auf dem Blaugerberbach, die Steigung
der Hohen Pforte, die Tristesse der anderen langen Gesichter auf ihrem Weg
zu ähnlicher Fron, und die Vorfreude auf die zu erwartenden
Disziplinierungen, die in der Ladendeko zum Guten Ton gehörten, ließen die
Stimmung mit jedem Schritt sinken.
Unterwegs wieder einzupennen bedeutete, erst am Busbahnhof aussteigen zu
können und die Hohe Straße zurück laufen zu müssen, was die Stechuhr
gnadenlos in roter Tinte dokumentierte.
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Kaufhof in der Cäcilienstraße in den 50ern. ...................................................................................................................................................................................
An der Cäcilienstraße erfasste das Auge erstmals die Gebäudemasse des
Kaufhauses von der Süd-Ostseite. Links Zentra-Auto, der hauseigene
Opel-Händler, rechts davon die „Spindel“, um die sich die Auffahrt zum
Parkhaus, aber auch die Zufahrt zum unterirdischen Wareneingang wendelten.
Im Zentrum dieses Gebäudeteils ragte die Stahlkonstruktion eines
Parkpaternosters bis zu einem Glasdach auf, in dessen Parkfächern jeweils
ein Auto eines leitenden Angestellten Platz fand. Weitere Fahrzeuge konnten
aufgenommen werden, wenn auf Knopfdruck ein leeres Parkfach von einer Art
gigantischer Fahrradkette auf Nullniveau befördert wurde. Im Keller bildete
sich die Basis dieser „Spindel“ als rundes Gemäuer ab, das via einer Reihe
steiler Stufen in der Rampe des Wareneingangs und eine doppelflügelige
Feuerschutztür zugänglich war. Der kreisförmige Kellerraum mag einen
Durchmesser von zehn und eine Höhe von sechs Metern gehabt haben, und
diente der Ladendeko als Lager. ....................................................................................................................................................................................
Schon hier trennte sich die Spreu vom Weizen ....................................................................................................................................................................................
Vor mir, auf der Ecke Hohe Pforte/ Cäcilienstraße befand sich ein Eingang
zum Laden, links davon Fenster 16. Hatte man die vierspurige Straße
überquert, so folgte man der Südfassade, passierte die Spindel und bog bei
Zentra-Auto rechts in die kleine Straße „An Sankt Agatha“ ein. Dort befand
sich der Personaleingang, der gegen 7.30 Uhr morgens begierig die graue
Masse der Lohntütenempfänger schluckte, die am Pförtnerhäuschen links in
ein Foyer einbogen, um sich per Paternoster im Haus zu verteilen. Schon
hier trennte sich die Spreu vom Weizen. Einzelne, meist proper gekleidete
Bürohengste und Tippsen ließen den rastlosen Aufzug rechts liegen und
bevorzugten den Weg über die Treppe. Manche hatten Angst, so wussten wir,
von Rabauken der unteren Etagen am Aussteigen gehindert zu werden und den
ungewissen Weg über die Kehrpunkte der armdicken Ketten im Keller oder
unterm Dach nehmen zu müssen. Im manche glaubten allen Ernstes, sie würden
dort auf den Kopf gestellt, wenn sie das Abenteuer denn überhaupt
überlebten. Mindestens einmal pro Woche kam es vor, dass kreischende
Lehrmädchen, vor Panik ganz kirre, nach einer solchen Irrfahrt aus dem
Paternoster stolperten und wie von Sinnen flüchteten. Von älteren
Arschkriechern wurden solche Aktionen mit Kopfschütteln quittiert, die
Täter mental fotografiert und umgehend angeschissen. Im Hintergrund seines
sichtbaren Funktionierens nämlich führte das Kaufhaus ein geheimes
Gedächtnis aus beschriebenem Papier und gelochten Holerithkarten, gegen das
ein Elefantenhirn eine geradezu amöbenhaft schwachsinnige und amnestische
Struktur sein musste.
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