J    O    C    H    E    N           A    R    L    T

 

Verwurzelt in Kultur aus Köln, Rock und Literatur

 

 

 

Jochen Arlt, Jahrgang 1948, geboren im norddeutschen Dinklage, verbrachte seine Kindheit in der Eifel, wurde 1957 “eingekölscht“. Lebt heute mit Frau und zwei Kindern in Bad Münstereifel. 1970 beim “Kölner Stadt-Anzeiger“, Wechsel zur PR-Abteilung der Bayer AG in Leverkusen, Pressedienstleiter beim BA für volkswirtschaftliche Aufklärung.
Ab 1979 vierzehn Jahre Redakteur der “Kölnischen Rundschau“. 1981 mit Konrad Kopper Verleger
und Herausgeber des einmalig gebliebenen
“Rockmagazin Szene Köln“.
Seit 1991 freier Journalist, Autor und Herausgeber, schreibt für diverse Tages- und Wochenzeitungen und Zeitschriften. Gründer KölnLiteraturPreis und Rheinischer Literaturpreis Siegburg. Rheinische Lesebücher seit 1987.
Feierte unlängst ein Jubiläum:  20 Jahre Bücher für Köln. 
 

 

Du bist erst spät nach Köln gekommen?  

Jochen: Spät? Meine Mutter wohnte ab 1950 zunächst in der Engelbertstraße, exakt in jener Wohnung übrigens, wo später der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann mit Familie lebte. Ich verbrachte die ersten Jahre mit meinen Grosseltern in Langwege, zwischen Vechta und Dinklage gelegen, wurde eingeschult in Obermendig, nahe Maria Laach, und bin 1957 offiziell eingekölscht worden am Mauritiuswall.  

Was waren Deine ersten musikalischen Berührungspunkte?  

Jochen: Direkt als erste, hiernach als dritte Stimme eines Knabenchors. Und zwar besuchte ich ein  Internat im Rheingau, der dortige Chor war recht renommiert und ging regelmäßig auf Tournee. Der indirekte Berührungspunkt trug nur einen Namen: Freddy! Freddy Quinn – ich darf erinnern an Fuffie-Hymnen wie „Heimweh“, „Melodie der Nacht“ oder „Weit ist der Weg, der Weg ist so weit“. Die Texte bete ich heute, so gewünscht, noch fehlerlos.  


Jochen Arlt 1955: unbeschwerte Jugend in der Vulkaneifel.


Freddy indes war ruckzuck außen vor mit dieser Erscheinung namens Drafi Deutscher „Teeny“, „Shu Bi Du Bi Do The Slop“ und solche Kracher, noch vor „Marmor, Stein und Eisen bricht“, entführten den damals 15jährigen in ein völlig anderes Universum.

Nahe des Mauritiuswalls, direkt am Zülpicher Platz, wo heute der Plus-Supermarkt ist, befand sich  zu jener Zeit der Kaskade Club. Da durfte ich eigentlich noch gar nicht rein, aber dem Türsteher war der Pickeljunge scheinbar egal. On stage wütete Shorty Miller, so etwas wie Kaskade Haussänger Nr. 1.


Jochen Arlt mit 13 Jahren im Jahr 1961


Ihn entdeckte ich nachher bei Hertie am Neumarkt, wo er graziös alten Damen Dampfradios verkaufte – und mir nen Elac-Plattenspieler für 6 Mark 45. Shorty im Hertie war mir vergleichbar wichtig wie Shorty abends, wenn er wie jeck mit Hippy Hippy Shake oder Just Like Eddie Gas gab. Zudem bot das Kaskade halt den unvergleichlichen Drafi-Spirit. Ah, auch der spätere


"Das war, bitte nicht vergessen, das Dinozeitalter
der elektrischen Gitarren, die mich faszinierte." 


„Motorbiene“-Überstar Benny Quick war regelmäßig zu bewundern, dessen furiose Versionen von „The House Of The Rising Sun“ und „Pretty Woman“ mir unvergessen bleiben. Das war, bitte nicht vergessen, das Dinozeitalter der elektrischen Gitarren, die mich faszinierten.

Parallel dazu rollte lawinenartig die Beat-Bewegung. Und erst recht um mich geschehen war es, als ich den Twist wie Slop tadellos beherrschte. Ich bekenne, zu Hause vorm Spiegel regelmäßig geübt zu haben, bevor samstags mit Freunden in der Moni Bar am Kaiser-Wilhelm-Ring zu „Off The Hook“ von den Stones oder Tony Sheridans „Skinny Minny“ aufgedreht wurde.  


"Ich hatte schlimmste Ängste, reifere Frauen, will
sagen so 20jährige, zum Tanz aufzufordern."


Wenig später, nebenan, trauten wir uns die Treppe runter ins Storyville, wo tatsächlich pilzköpfige englische Top-Twenty-Musiker, etwa Wayne Fontana And The Mindbenders, auf der Bühne standen. Wow! Ich war jedoch noch arg pubertierend, schüchtern und hatte schlimmste Ängste, reifere Frauen, will heißen so 20jährige, zum Tanz aufzufordern. Mit schweißnassen Händen klammerte ich mein Kölschglas statt eines der Mädels.  

Gleichzeitig bereicherte die Szene der Star Club am Rudolfplatz, wo ich unter anderem „Diddley Daddy“ oder „Johnny B. Goode“  von der einzigartig-sensationellen Mädchenband The Liverbirds hören und sehen durfte. Das Kaskade schien trotz Superacts wie "The Swinging Blue Jeans" leicht ins heiße Milieu abzudriften. Dummse Tünn kam mit Gefolge, man zog den Kopf ein und machte die Fliege.


Jochen Arlt und Dummse Tünn.        -       Foto: Jessica Christoforidis


Ich konzentrierte mich auf andere Live-Musik-Läden. Bis es etwa 1967 zum Bruch kam durch die erste Discotheken-Welle mit dem „Black Horse“ am Friesenplatz beispielsweise.

Nahe des Heumarkts jedoch etablierte sich die Zentraldisco, ich weiß nicht mehr den Namen. Jedenfalls hieß der dort angesagte DJ Ray Miller, bis ins Landkölnische hinein konkurrierend mit Roland W. aus dem Scotchmen’s


Roland W., aktuelles Selbstportrait, 2001


Club, Hohenzollernring, wo noch Stars von Casey Jones & The Governors bis Bill Haley dem Jungvolk Zucker gegeben haben. Roland landete überdies den Erfolgsheuler „Monja“, womit er Beatles, Kinks, Stones in den Hitparaden hinter sich ließ. Für diesen populären James Dean-Alleinunterhaltertyp


"Monja" Singlecover von Roland W.


investierte ich satte fünf Mark Eintritt. Jahrzehnte später lernte ich Roland W(ächtler). persönlich kennen – er wohnt im Westerwald, lebt von der Kunstmalerei und veröffentlichte jüngst Aufgekochtes von „Cindy Jane“ über „Denver Colorado“ bis „Monja“.