günter wallraff

"Man lernt nie umsonst."


Der in Köln-Ehrenfeld lebende Günter Wallraff wurde durch seine Aufsehen erregende Art der Recherche bekannt. Sein Stil baut auf dem persönlichen Erleben durch Einschleusung in das unmittelbare Kernumfeld des Reportage-Ziels auf.
Günter Wallraff gab sich jeweils eine fiktive Identität und war nicht als Journalist zu erkennen. Auf diese Weise entstanden Bücher, welche soziale Missstände anprangern und die versuchen, neue Einblicke in die Funktionsweise der Gesellschaft zu vermitteln.
Im langjährigen Rechtsstreit mit der Bild-Zeitung konnte er Anfang 2006 gegen die Behauptung Stasi-Spitzel gewesen zu sein, einen Sieg erringen.

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Günter, geboren bist Du am 1. Oktober 1942 in Burscheid.

Günter: Geboren bin ich in Burscheid und aufgewachsen in Köln.

Dein Sternzeichen ist Waage; glaubst Du an Astrologie?

Günter: Ich glaube eigentlich nicht daran und bin dann verblüfft über gewisse typenmäßige Übereinstimmungen. Da frage ich mich schon manchmal, welchen Einfluß die Jahreszeit der Geburt auf die Persönlichkeit des Menschen hat. Daran, was für ein Schindluder mit der Astrologie betrieben wird, möchte ich mich nicht beteiligen.

Hans Knipp, einer unserer Interviewpartner, erzählte im Zusammenhang mit Dir folgende Anekdote: 
Ihr habt in eurer Kindheit in der gleichen Straße gewohnt. Du warst ein begeisterter Sportler und der Einzige in der Straße, der eine Stoppuhr besaß. Einmal hast Du Hans die Uhr gegeben, damit er die Zeit stoppte. Leider fiel sie ihm hin und war kaputt.
Es fiel Dir wohl sofort auf, dass es die Uhr nicht mehr tat und Du fragtest, ob ihm die Uhr hingefallen sei, was er mit schlechtem Gewissen verneinte.
Einige Tage später gingst Du zu ihm und sagtest:
„Hans, die Uhr ist Dir doch mindestens dreimal runtergefallen... Hans entgegnete vollkommen überrumpelt, daß ihm die Uhr nur einmal hingefallen sei! Womit er überführt war. Spiegelten sich in diesem Verhalten Ansätze für Deine spätere journalistische Arbeit?

Günter: Daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Was mir sehr wohl im Gedächtnis geblieben ist, daß ich schon sehr früh sportlich interessiert war. Als 12- oder 13jähriger drehte ich einsam meine Laufrunden auf einem Aschenplatz in Mauenheim und fühlte mich wie der kommende Weltmeister auf Grund der von mir gestoppten Zeiten.

Es war einfach phänomenal: ich lief Zeiten, die sonst nur 16 und 17jährige hochtrainierte Spitzenläufer schafften. Die große Ernüchterung kam, als ich erfuhr, daß eine Runde 333 Metern entsprach und nicht 400 Metern, wie ich angenommen hatte. Meine Zeiten für 3000 und 5000 Meter waren zwar gut, aber nicht rekordverdächtig.  


"Es sind manchmal die kleinen Katastrophen des Alltags,
die ich auf diese Weise wahrnehme."


Was die Frage betrifft: Überführen ist nicht mein Antrieb. Es geht bei meiner Arbeit um Teilhaben, also um das Erleben und unter Umständen auch Erleiden. Die Zugehörigkeit zu gewissen Gruppen hat etwas Identitätsstiftendes. Meine eigene Identität war ursprünglich nur sehr schwach vorhanden. Es war und ist mein Bedürfnis, sich der Sichtweise Anderer anzunähern und durch ihre Augen sehen zu lernen.

Es sind manchmal die kleinen Katastrophen des Alltags, die ich auf diese Weise wahrnehme und sie dadurch als unhaltbar darstellen kann, während Andere sich schon in dem Gewohnheitsunrecht eingerichtet haben. Das ist wenig detektivisch.

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