Underground Explosion 5   Vorwort von Rich Schwab   

    

  

Heissa, Köbes Underground ist explodiert!

Dachte ich erst, als es hieß: He, Schwab, schreib doch mal was zur Underground Explosion! Aber dann holte mich meine Erziehung ein. „Ich denke, über Tote soll man nichts Schlechtes sagen?“ fragte ich scheinheilig zurück.

 

Doch der Opa hatte sich natürlich wieder mal verhört. Das kommt vor, denn seit ein paar Jahren sind Anrufe aus Köln Ferngespräche; da versendet sich schon mal was. Typisch – sie zahlen sich Millionengehälter dafür, dass es ihnen gelingt Satelliten ins All zu schießen, die mich beim Kacken beobachten können, aber wenn mich aus fünfzig Kilometern einer anruft, versteh ich immer nur die Hälfte. Also noch mal von vorn…

 

Ui, Jessas – der Untergrund ist explodiert. Schon wieder. Es fliegen bedrohliche Brocken durch die Gegend wie z.B. die Frage Was wollt Ihr alle?, und die Plattenfirma möchte, dass ich mich jetzt angesprochen fühle. Na, was soll ein alter Sack wie ich da schon antworten als: Rock’n’Roll, Kinners!

 

Aber da geht’s ja schon los: Für die einen ist Rock’n’Roll etwas, das Bill Haley und – ui, Jessas – Peter Kraus machen und wozu Jungs mit Margarinefrisuren Mädels in Petticoats durch die Gegend wirbeln; für die anderen – Leute wie mich – ist Rock’n’Roll ein Lebensgefühl, ein Rundumschlag, eben nicht nur musikalisch gesehen.

Scheiß auf die Hookline. Keith Moon war Rock’n’Roll. Muhammad Ali aber auch. Joschka Fischer in Turnschuhen und Lederjacke vor dem Bundestagspräsidenten war, mit Verlaub, Rock’n’Roll. Jimi Hendrix sowieso. Rio. Die Schroeder Roadshow. Klaus der Geiger. Attac. Die Jungs und Mädels auf den Bauwagenplätzen der Stadt. Hagen Rether ist Rock’n’Roll. Und auf die Gefahr hin, in meinen Stammkneipen demnächst nur noch alkoholfreies Bier zu kriegen: sogar Robbie Williams. Na ja, ein Stück weit, jedenfalls.

 

Aber in Köln? Der Heimatstadt von Höhnern, Nikuta und, tja, Köbes Underground? Underground?!

He, Kinners, könnte der Opa jetzt natürlich loslegen, ich könnt’ Euch was erzählen von Underground in Köln – als wir als Musiker noch lange Haare haben mussten, damit unsere Zielgruppe uns überhaupt den Musiker abkaufte. Schon kriegten wir zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Straßenbahn bloß wegen dieser Haare regelmäßig eins aufs Maul.

 

In den Kneipen der Stadt nicht bedient zu werden war noch das Harmloseste, was einem passieren konnte. Also lernten wir uns zu wehren, erst gegen „Geht doch nach drüben, ihr Gammler!“, dann gegen „Komm, ich schneid’ dir jetzt mal die Haare, Süßer!“ und schließlich gegen KVB-Preise, Polizeiwillkür und den Muff von tausend Jahren.

 

Und auf einmal waren wir 68er und alles schuld, und plötzlich gab es den Deutschen Herbst, und wir brauchten etliche Jahre, um zu erkennen, dass die berühmte klammheimliche Freude nur ein unreifer Ausdruck von Ohnmacht gewesen war…

 

Aber ich schätze, die jungen Hörer von Underground Explosion interessiert es genau so wenig, wenn Opa vom Krieg erzählt, wie uns damals.

 

(Fortsetzung in Booklet 5.2)

 

Einigen wir uns doch darauf: Diese Compilation hier versammelt überwiegend Heimatklänge der etwas sperrigeren Art. Heimatklänge allerdings bloß deshalb, weil die Künstler in Köln wohnen. Was man den wenigsten von ihnen anhört.

Wie das übrigens alles zusammenhängt, also welche Titel von welchen Künstlern hierfür handverlesen wurden, das erklärt Herr Schmickler auf dem jeweils letzten Track dieser CDs sehr viel pointierter, als ich das könnte. Schade eigentlich, dass er das beide Male mit den gleichen Worten tut – aber wir müssen ja wohl alle sparen in diesen leider längst nicht postkapitalistischen Zeiten).

 

Natürlich ist der Opa neidisch. Erstens scheint das Proberaum-Problem in Köln keins mehr zu sein (na ja, zu seiner Zeit gab’s ja auch noch keinen Rockbeauftragten) – wie sonst sollten all die Leutchen hier ihr Material so gut hinbekommen haben? Oder gibt es heute noch Bands, die ihre Anlage mit der KVB von Nippes in einen nach siebzig Jahre alten Matratzen duftenden Jugendheim-Keller in der Südstadt karren, um dort zwei Stunden proben zu dürfen („Aber nicht so laut heute – oben ist Konfirmationsunterricht!“)?

 

Zweitens hätte der Opa damals sonstwas gegeben, auf einem solchen Sampler vertreten zu sein – hätte jemand so etwas seinerzeit überhaupt zu produzieren gewagt. Ja, wieso denn auch, Opa, ihr habt doch bloß Beatles und Stones nachgespielt – und das auch noch unter aller Sau! Und Them und Pretty Things und Small Faces nicht vergessen, du kleiner Klugscheißer – aber ich komme ja schon zu drittens: Beneidenswert auch, wie selbstverständlich all diese Leutchen hier ihr eigenes Material komponieren und texten. Bis wir uns getraut haben, die Sprache von Wanderliedern, Operettenschnulzen und Hauruck-Schlagern zu unserer eigenen zu machen, hatte es noch ’ne ganze Weile gebraucht.

 

Und dass die alle viertens tatsächlich mit ihren Instrumenten umgehen und spielen können – seien es nun richtige Gitarren oder Apple-Loops – und sich fünftens erfreulich wenig um stilistisches Schubladendenken scheren, nötigt dem Opa ein sehr beifälliges Kopfnicken ab.

 

Ansonsten hat für mich ein Großteil des hier Gebotenen eher weniger mit Rock’n’Roll zu tun (zum Glück aber auch wenig genug mit Peter Kraus) als damit, dass entweder die meisten Musiker hier im Mainstream noch nicht angelangt sind oder der sie noch nicht wahrgenommen hat. Andererseits: Wie denn auch? Wo gibt’s den Radiosender, der diese Musik spielt, vom Fernsehen ganz zu schweigen?

Wo in der Stadt gibt’s die Clubs, in denen die alle auftreten könnten, ohne sich zu ruinieren? Und gibt’s hier eigentlich das Publikum, das dann nötig wäre, damit sich die Clubs nicht ruinieren? Gibt es Leute, die sich das anhören?

 

Dieser Sammlung wünsche ich jedenfalls, trotz allem, jede Menge davon. Denn Tatsache ist: Hätte Neid ein Gewicht – das Schwingen einer Gitarrensaite könnte mich vom Hocker fegen…

 

Rich Schwab, 59, Musiker, Autor und eigentlich Kölner.